Saar-Lor-Lux oder wo Europa schon Wirklichkeit ist

Herbert Kihm

„Kulturpolitik und kulturelle Identität in Europa“, das war der Titel einer Seminarveranstaltung, die der Ensheimer Kreis in Zusammenarbeit mit der Akademie Rosenhof e. V. Weimar 2008 in Trier/Mertesdorf durchführte.

Dieses Seminar für Multiplikatoren aus Gesellschaft, Wirtschaft, Bildung und Wissenschaft beleuchtete dabei nicht nur die historische Aspekte des europäischen Einigungsweges  in dieser „Wiege Europas“, sondern auch die heutigen Formen der wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit in der Region und die sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Zu Recht wird die Region Saar-Lor-Lux (Saarland-Lothringen-Luxemburg) als Keimzelle der EU bezeichnet, denn hier wurde 1951 die „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (EGKS) ins Leben gerufen, der erste Schritt auf dem Weg zu einem gemeinsamen Markt. Geographisch lag das Gebiet bis zur Osterweiterung der EU zudem im „Herzen“ der Union.

Der historische Bogen ließe sich über 2000 Jahre spannen. Vom Zentrum der römischen Weltmacht unter Kaiser Konstantin, der Trier zu seiner 1. Kaiserresidenz machte, über die  die Zeit der beiden Weltkriege bis zum Vertrag von Schengen (3. September 2006) spielte sich in diesem geographisch so kleinen Raum europäische, ja Weltgeschichte ab.

Es war daher nur zu verständlich, dass sich in den Vorträgen und Diskussionsforen ein wahres Kaleidoskop an Themen anbot. Vertieft und „erfahrbar“ wurden die Inhalte durch die Möglichkeit, sich dank geringer Entfernungen an den entsprechenden Orten  ein persönliches Bild zu verschaffen.

Beispielhaft sei hier der Empfang in dem verträumten luxemburger Weindörfchen Schengen genannt,  wo im europäischen Zentrum Dr. Jaques Santer, Ehrenstaatsminister und der 1. Präsident der EU-Kommission einen beeindruckenden Vortrag hielt.

Jaques Santer zitierte im Zusammenhang mir der „heutigen Krise“ Europas, den Belgier Leo Tindemanns, der am 29.12.1975 (!) wie folgt  formulierte: „Die europäische Öffentlichkeit hat den Faden verloren.. ..(sie) kann den Europagedanken nicht mehr finden!“ – also tröstlich oder frustrierend für uns heute, denn hier hat sich seither nicht viel geändert !

Natürlich, so stimmte Santer zu, sei es schwierig den Begriff „Europäische Identität“ den Menschen zu vermitteln. Ihm erscheine die Definition Paul Valéries dafür immer noch am besten geeignet. Sie lautet: „Europäische Identität ist alles, was den (Abstammungs-)Stempel von Athen, Rom und Jerusalem trägt“, gemeint sind die gemeinsamen europäische Errungenschaften und Werte wie Demokratie, Rechtsempfinden und das Christentum.

Santer sieht die Zukunft Europas in einer Föderation aus Nationalstaaten, nicht in einem Bundesstaat nach amerikanischem Vorbild, dabei dürfen unter dem „Dach“ der europäischen Verträge berechtigte lokale, regionale und nationale Ansprüche nicht verloren gehen, vor allem müssten die Europäer sich aber stets ihrer gemeinsamen Wurzeln bewusst sein.

Den Beitritt oder auch die Aufnahme der Türkei hielt er in dieser Rede (21.7.08)  aus den genannten Gründen für nicht möglich, den Beitritt Russlands aber für eine denkbare Option.

Beim dem anschließenden Besuch des Wohnhauses  Robert Schumanns in Scy - Chazelles am Hang des Mont Saint-Quentin über dem Moseltal, konnte man dann den „Genius loci“  auf sich wirken lassen.

Robert Schumann wurde  wegen seines politischen Wirkens 1960 vom Europäischen Parlament der Ehrentitel „Vater Europas“ verliehen, geprägt wurde er durch seinen Lebensweg, wie er vielleicht nur hier erfolgen konnte .

Geboren wurde er 1886 in Luxemburg, der Vater war Lothringer, die Mutter Luxemburgerin. Er studiert Jura in Luxemburg, Metz, Bonn, München, Berlin und Straßburg, wird 1919 Abgeordneter der Nationalversammlung. 1940 wird er von der Gestapo verhaftet und in Neustadt/Pfalz interniert. 1942 gelingt im die Flucht und er lebt bis Kriegsende in verschiedenen Klöstern im Untergrund.

Nach dem Krieg wird er nacheinander französischer Finanzminister, Ministerpräsident, dann Außenminister. In dieser Funktion sorgt er dafür, dass Frankreich sich an der Gründung der OEEC, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa beteiligt. Mit den USA und den europäischen Partnern handelt er den Brüsseler Pakt (1948) und den Nordatlantikpakt (1949) aus, der 1952 zur Gründung der Nato führt. Die Krönung seines Lebenswerkes ist die Unterzeichnung der Römischen Verträge  durch sechs europäische Staaten( Benelux, Deutschland, Frankreich, Italien) am 27.3.1957, mit denen die EWG gegründet wird. Schumanns letzte Ruhestätte – er stirbt am 4.9.1963 – befindet sich in der Dorfkirche St. Quentin.

Die Großregion (sie umfasst  Saar-Lor-Lux, Teile von Rheinland-Pfalz und Wallonien) besitzt  jedoch nicht nur gemeinsame kulturelle und geschichtliche  Wurzeln, auch wirtschaftlich ist sie ein Kernraum Europas mit einer ungeheuren Dynamik, ein „europäisches Labor“, ein Modell, wie Europa einmal funktionieren könnte.

Dr. Claude Gengler, Direktor des „Forum Europa“ in Luxemburg(13, Place d’ Armes, L-1136 Luxembourg), legte dazu erstaunliche, teilweise kaum glaubliche Fakten vor.

Von überragender wirtschaftlicher Bedeutung ist der Staat Luxemburg. Durch seine „Push und Pull-Faktoren“ hat Luxemburg tagsüber über 1/3 mehr Einwohner als nachts, pendeln doch z. B. täglich (!) allein aus Lothringen 64.000, aus Belgien 33 000, aus Rheinland-Pfalz 25.000 und dem Saarland 4.500 Menschen in das kleine Land  von der Größe des Saarlandes, was Wunder auch bei den dortigen Gehältern, verdient doch dort z. B. ein Gymnasiallehrer 5500 Euro/Monat.

Luxemburg hält bei 484.000 Einwohnern (42,4% Ausländer!) 345.000 Arbeitsplätze vor und in der Großregion wird durch diesen Luxemburger „Spin-over-Effekt“ ein BIP von 300 Milliarden Euro erwirtschaftet, allein 30% des Umsatzes der Innenstadt Triers geht auf Luxemburger Kunden zurück. In diesem Zusammenhang noch ein „kurios“  erscheinender Randaspekt, der aber zeigt,  was  Statistiken oft wert sind:

14 % der Luxemburger gelten laut Statistik als „armutsgefährdet“. Vergleicht man nun die zugrunde liegenden Parameter, so zeigt sich, dass in Belgien ein Alleinstehender mit 822 Euro/Monat, eine Familie mit einem Kind mit 1785 Euro/Monat als „arm“ gilt, die Vergleichszahlen für Luxemburg lauten dagegen: 1484 Euro/Monat  bzw. 3130 Euro/ Monat! Daher lautet ein Sprichwort hier:“Ein armer Düdelinger( Ort in Luxemburg) ist ein reicher Thionviller (Stadt in Lothringen).“

Aber auch für die Scharen von Touristen aus den Niederlanden, Großbritannien oder Deutschland, die „nur“ zum Urlaub hierher kommen, bietet die Region eine schier unübersehbare Zahl von lohnenswerten Zielen.

Allein die Stadt Trier ist eine Reise wert, für das Umland gilt dies jedoch in gleichem Maße. So laden z. B. die römischen Villen von Otrang, Bollendorf, Echternach, Longiuch, Nennig  (bedeutendster erhaltener Mosaikfußboden nördlich der Alpen) oder die rekonstruierte Villa Borg zum Besuch ein. Diese palastartige Villa, einer „Villa urbana“ der römischen Oberschicht nachempfunden, war wesentlich luxuriöser als  eine  bescheidenere „Villa rustica“.

Hier kann man kann man stilgerecht in eine Tunika gekleidet römische Gerichte genießen, wie z.B. ein  würziges Linsengerichte angereichert mit lukanischen Würsten, dazu ein „Mulsum“, ein gewürzter mit Honig gesüßter Wein. Gekocht wird nach den Rezepten des Feinschmeckers Marcus Gavius Apicius , dem römischen Paul Bocuse. Genügt einem dieser Kontakt mit der römischen Kultur noch nicht, dann kann man (auf Anfrage) das Villenbad mieten und gemäß der römischen Badesitte zuerst das Caldarium (Warmbad), dann das Frigidarium(Kaltbad) aufsuchen. Das Tepidarium dient der Entspannung und Konversation. Beheizt wird wie vor 2000 Jahren mit dem „Hypocaustum“, der röm. Fußbodenheizung. Wer es sich noch exklusiver leisten kann, „residiert  und speist“ im Restaurant, Hotel Schloss Borg (66706 Perl-Borg), das mit 4 Michelin Sternen geadelt wurde.

Metz die  Hauptstadt des Depardements Moselle lädt zum Einkaufen ein oder man besichtigt in der Kathedrale St. Etienne die Kirchenfenster von Marc Chagall.

All diese Ziele sind bequem mit einem Tagesausflug zu erreichen, z.B. vom Hotel, Restaurant, Weingut „Karlsmühle“ (54318 Mertesdorf) im malerischen Ruwertal. Der römische Dichter Decimus Magnus Ausonius (371 n. Chr.) beschrieb in seinem Gedicht „Mosella“ schon die dortige Gesteinsmühle,  in der die Marmorblöcke für die kaiserlichen Prachtbauten in Trier geschnitten wurden.

Steht einem nach soviel Kultur und Geschichte jedoch eher der Sinn nach einem  Glas guten Riesling, Weißburgunder oder Elbling, dann bietet das dazu gehörige Weingut Peter Geiben (54318 Mertesdorf, Im Mühlengrund 1) die entsprechende Auswahl. (Peter Geiben gehört übrigens zu den 100 besten Winzern Deutschlands!)

So kann man dann stil- und genussvoll, begleitet vom Rauschen der an der schattigen Terrasse vorbei fließenden Ruwer, bei einer fangfrischen Forelle, bei Flammkuchen oder einem Wildgericht aus der eigenen Jagd einen ereignisreichen Urlaubstag ausklingen lassen.