Seminar des Ensheimer-Kreises

27.07.-02.08.2014

Hotel Döllnsee-Schorfheide, 17268 Templin-Groß Dölln

Teil 1: „Der 1. Weltkrieg-Ursachen, Verlauf, Folgen“

Teil 2: „Das Land Brandenburg – auf den Spuren von Fontane und Schinkel“

 

Auf den Spuren Fontanes 
(Referat: Günter Rieger)
Was könnte zur Einstimmung zu diesem Bericht besser passen, als dieses Gedicht von Theodor Fontane?

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«
So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«
So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was er damals tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.
Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«
So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
Unwidersprochen ist sicherlich , dass er durch sein Werk die Mark Brandenburg - das fünfbändige Werk Wanderungen durch die Mark Brandenburg ist das umfangreichste des deutschen Schriftstellers Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin) - nicht nur im literarischen, sondern auch im historischen Gedächtnis Deutschlands verankert hat.
Er beschreibt darin Schlösser, Klöster, Orte und Landschaften der Mark Brandenburg, ihre Bewohner und ihre Geschichte. Die Eindrücke und historischen Erkenntnisse, die Fontane während der Arbeit an den „Wanderungen" gewann, bildeten die Grundlage für seine späteren großen Romane wie Effi Briest oder Der Stechlin.

Birnbaum der 4. Generation, v.Ribbeck
Denkmal Königin Luise (Schinkel, Gransee)
Schloss Rheinsberg
Theodor Fontane

© Herbert Kihm

 

Die Kriegschuldfrage

Referent:   Dietrich Lincke, Botschafter a.D.

Voranstellen möchte ich dieser meiner persönlichen Zusammenfassung des Referates vom 28.07.2014, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, drei Zitate, die die Vielschichtigkeit und Problematik der Fragestellung verdeutlichen sollen:

Friedensvertrag von Versailles, Artikel 231

 „Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“ (wikipedia)

Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht, 1961,erw.1965

„Da Deutschland den österreichisch-serbischen Krieg gewollt, gewünscht und gedeckt hat und, im Vertrauen auf die deutsche militärische Überlegenheit, es im Jahre 1914 bewusst auf einen Konflikt mit Russland und Frankreich ankommen ließ, trägt die deutsche Reichsführung einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch eines allgemeinen Krieges.“ (wikipedia)

Christopher Clark, Die Schlafwandler, 2013

Alle [europäischen Großmächte] meinten, unter Druck von außen zu handeln. Alle meinten, der Krieg werde ihnen von den Gegnern aufgezwungen. Alle trafen jedoch Entscheidungen, die zur Eskalation der Krise beitrugen. Insofern tragen sie auch alle die Verantwortung, nicht bloß Deutschland.“ (wikipedia)

 

Entwicklung bis zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten:

Beim Attentat von Sarajevo (28. Juni 1914) wurde der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand von Mitgliedern einer revolutionären Untergrundorganisation ermordet, die in Verbindung mit offiziellen Stellen Serbiens stand bzw. gebracht wurde. Hauptmotive waren die Befreiung Bosnien-Herzegowinas von der österreich-ungarischen Herrschaft mit dem Ziel einer Einigung derSüdslawen unter Führung Serbiens.

Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg sagten Österreich-Ungarn Anfang Juli volle Unterstützung zu. Auch um deutlich zu machen, dass Deutschland die Angelegenheit nicht dramatisierte, trat der Kaiser wie geplant seine Nordlandreise auf der Yacht Hohenzollern an. Schon vor seiner Rückkehr am 27. Juli teilte er der Reichsregierung mit, dass kein Kriegsgrund mehr bestehe und dass sie dementsprechend Österreich zur Mäßigung anhalten solle. Das wurde aber nicht umgesetzt. Im Gegenteil: Generalstabschef von Molke stärkte noch am 31. Juli seinem österreichischen „Kollegen“ von Hötzendorf, der ein Scharfmacher war, ausdrücklich den Rücken – durch ein Telegramm, das er ohne Wissen des Kaisers und des Reichskanzlers absandte. Am 23. Juli hatte Österreich-Ungarn ultimativ von Serbien eine gerichtliche Untersuchung gegen die Teilnehmer des Komplotts vom 28. Juni unter Beteiligung von k.u.k. Organen gefordert. Dies lehnte die serbische Regierung, bestärkt durch Russlands Zusage militärischer Unterstützung im Konfliktfall, als unannehmbare Beeinträchtigung ihrer Souveränität ab. Russlands vom panslawistischen Motiv mitbestimmte Haltung wurde im Zuge des französischen Staatsbesuches in St. Petersburg (20. bis 23. Juli) wiederum durch Frankreich unterstützt, das in Bekräftigung der Französisch-Russischen Allianz den Russen für den Kriegsfall mit Deutschland Unterstützung garantierte(s. Triple Entente,1907). Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.

Die Interessenlagen der Großmächte(s. Chr. Clark) ließen den Lokalkrieg innerhalb weniger Tage zum Kontinentalkrieg unter BeteiligungRusslands (deutsche Kriegserklärung vom 1. August 1914) und Frankreichs (deutsche Kriegserklärung vom 3. August 1914) eskalieren.

Die politischen Konsequenzen des Schlieffen-Plans – unter Umgehung des französischen Festungsgürtels zwischen Verdun und Belfortgriffen deutsche Truppen Frankreich von Nordosten an und verletzten dabei die Neutralität Belgiens und Luxemburgs – führten zudem zum Kriegseintritt der belgischen Garantiemacht Großbritannien (britische Kriegserklärung vom 4. August 1914).

Der deutsche Vormarsch kam im September an der Marne zum Erliegen, zwischen November 1914 und März 1918 erstarrte die Front im Westen. Da Russland im Osten bis zur Oktoberrevolution 1917 und dem separaten Friedensvertrag von Brest-Litowsk weiter am Krieg teilnahm, befand sich Deutschland für lange Zeit entgegen der Planung im Zweifrontenkrieg. Dieser führte zu einem Stellungskrieg im Westen, da zwei Armeen im Osten gebunden waren.

 

Seekrieg:

Nach der Auffassung  Herrn Linckes, der in dieser Frage die Beurteilung Christopher Clarks teilt, war die Aufrüstung der Marine nicht kriegsbedeutend, da Deutschland nie die Chance hatte, das angestrebte Verhältnis von 1:1,5 zur Seestärke des Vereinigten Königreichs zu erlangen, was auch in Großbritannien so gesehen wurde. Die britische Flotte baute ihren Vorsprung vielmehr deutlich aus, und der deutsche Flottenchef Admiral Tirpitz erklärte 1913 sogar unilateral den Verzicht auf ein Wettrüsten zur See mit England.

 

U-Boot-Krieg:

Damit versuchte Deutschland, die britische Seeblockade in der Nordsee zu brechen. Am 8. und 9. Januar 1917 erreichte die Oberste Heeresleitung nach langem Drängen die Zustimmung des Kaisers, den unbeschränkten U-Boot-Krieg wieder aufzunehmen. Das vorrausgegangene Friedensangebot der Mittelmächte hatte die Entente erwartungsgemäß abgelehnt, wie sie später auch die Friedensresolution des Deutschen Reichstags vom 19. Juli 1917 (Verständigung und dauernde Versöhnung, ohne erzwungene Gebietswerbungen“) ablehnte. Am 6. April 1917 erklärten die USA dem Deutschen Reich den Krieg, nachdem Präsident Wilson vier Tage vorher den US-Kongress zur Teilnahme am Kreuzzug der „friedensliebenden“ Demokratien gegen die „militärisch-aggressiven“ Autokratien der Erde aufgefordert hatte. Die zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtungen mit der Entente seit Kriegsbeginn und Berichte über angebliche deutsche Kriegsgräuel sowie Schiffsversenkungen mit amerikanischen Opfern – namentlich jene des britischen Passagierdampfers Lusitania – hatten die antideutsche Stimmung verschärft, obwohl Lusitania völkerrechtswidrig Kriegsmaterial geladen und die Deutsche Botschaft Washington deshalb öffentlich. (durch Zeitungsanzeigen) vor Reisen mit dem Schiff gewarnt hatte.

 

Nachdem sich l917 die militärische Lage der Mittelmächte durch den Zusammenbruch Russlands zunächst verbessert hatte, brachte der Kriegseintritt der USA, als er nach einigen Monaten voll zum Tragen kam, die Wende zugunsten der Entente. Das deutsche Waffenstillstandsangebot vom 4. Oktober 1918 auf der Grundlage der von Präsident Wilson selbst vorgeschlagenen 14 Punkte wurde nicht angenommen. Am 11. November musste Deutschland  den Waffenstillstand von Compiègne schließen, der jeden weiteren Widerstand aussichtslos machte – insbesondere wegen der Räumung aller linksrheinischen Gebiete (mit drei Brückenköpfen der Entente rechts des Rheins).

Nun begannen die Verhandlungen unter den Siegermächten, ohne Beteiligung Deutschlands und seiner Verbündeten. Die Ergebnisse wurden in den Pariser Vorortverträgen festgelegt, für Deutschland in Versailles. Es war ein äußerst harter Vertrag, bei dem sich Frankreich voll durchgesetzt hatte. Man setzte sich auch über Wilsons 14 Punkte hinweg; der amerikanische Präsident resignierte und erreichte lediglich die Schaffung des Völkerbundes; der amerikanische Kongress ratifizierte den Vertrag denn auch nicht, nicht einmal die Schaffung des Völkerbundes. Selbst  der britische Premierminister Lloyd George hatte vergeblich versucht zu mäßigen. Der Text wurde Deutschland ultimativ  übergeben, und es konnte nur geringfügige Erleichterungen anbringen. In Artikel 231 wurde Deutschland und seinen Verbündeten die alleinige Kriegsschuld zugeschrieben  und demgemäß die Verpflichtung zur Entschädigung für alle Kriegsschäden. Dies war die Grundlage für die immensen Reparationsforderungen; die Sieger behielten sich vor, den Umfang noch festzusetzen.

 Der deutsche Regierungschef (Ministerpräsident), der Sozialdemokrat Scheidemann, der am 9.November 1918 die Republik ausgerufen hatte, trat am 12. Mai 1919 zurück und sprach dabei die geflügelten Worte: „Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?“ Sein Nachfolger, der Sozialdemokrat Bauer, musste sich beugen, und die Weimarer Nationalversammlung war genötigt, den Vertrag am 23. Juni 1918 zu ratifizieren.

Die Weimarer Republik trug während ihrer gesamten Zeit die Last, diese Bedingungen und die fortlaufenden Repressalien zu lockern, wie die Rheinlandbesetzung, die zeitweilige Besetzung des Ruhrgebiets. Die Kernfrage bildeten dabei die Reparationen. Zunächst forderten die Alliierten 269 Milliarden Goldmark, 1921 wurde die Summe auf 132 Milliarden beziffert und schließlich im Young-Plan von 1929 auf 112 Milliarden, zahlbar in Raten bis 1988. Die Goldmark war an den Wert des Edelmetalls gebunden, der damals auf 35 $ pro Unze Feingold festgesetzt war. Heute ist der Goldpreis frei und bewegt sich mit großen Schwankungen etwa um 1500 $. Man kann also diese unglaubliche Belastung nicht mit unseren heutigen Milliardensummen vergleichen. Deutschland konnte diese Gelder nur durch amerikanische Kredite aufbringen, die dann notleidend wurden. Dies war eine der Hauptursachen für die Weltwirtschaftskrise, die 1929 ausbrach- mit ihren schrecklichen Auswirkungen. In Deutschland zogen sie Wirtschaft und Politik in den Strudel und  bewirkten schließlich den Untergang der Weimarer Republik. Der spätere Bundespräsident Theodor Heuß hat dies schon 1932 in seiner Schrift „Hitlers Weg“ treffend zusammengefasst: „Der Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Bewegung ist nicht München, sondern Versailles.“ Die Ergebnisse aller Bemühungen der demokratischen Regierungen um eine Entlastung von den Bürden des Versailler Vertrages kamen zu spät;  die Erfolge kamen erst  Hitler zugute und stärkten auch noch seinen Rückhalt.

Die Ursache für diese tragischen Verstrickungen war die einseitige Festschreibung der Kriegsschuld Deutschlands in Art.231 des Versailler Vertrages. Wegen ihrer verhängnisvollen Auswirkungen beherrschte deshalb die „Kriegsschuldfrage“ noch jahrzehntelang die wissenschaftliche Auseinandersetzung der Historiker in Deutschland und den anderen kriegführenden Staaten. Die offiziellen Publikationen und „Dokumentationen“ („Farbbücher“) sollten den Standpunkt der jeweils herausgebenden Regierung untermauern. Die ältere Generation der Historiker (Hauptexponent Gerhard Ritter, Hans Herzfeld und viele andere) hatte schon in der Weimarer Republik und ebenso nach dem II. Weltkrieg eine differenzierte Position vertreten und die einseitige Schuldzuweisung an Deutschland abgelehnt.

In den sechziger Jahren und bis heute fand dem gegenüber die These der „Alleinschuld“ Deutschlands unter den damals jüngeren Historikern (F. Fischer, s.o.) breite Zustimmung und erst in den letzten Jahren und im Abstand eines Jahrhunderts ist die historische Forschung in Deutschland und auch in anderen Ländern (z.B. in Großbritannien) wieder auf dem Wege einer differenzierteren Beurteilung der Ursachen dieses Kriegs angekommen und sieht die Verantwortlichkeiten auch auf Seiten der Kriegsgegner der Mittelmächte.

Zu einer aufsehenerregenden  Neubewertung kommt der renommierte Historiker und Bestsellerautor Christopher M. Clark (* 14. März1960 in Sydney, seit 2008 lehrt er als Professor of Modern European History an der University of Cambridge.).

 

Clark beschreibt minutiös in seinem umfangreichen Werk (896 Seiten)die Interessen und Motivationen der wichtigsten politischen Akteure in den europäischen Metropolen und beschreibt das Bild einer komplexen Welt, in der gegenseitiges Misstrauen, Fehleinschätzungen, Überheblichkeit, Expansionspläne und nationalistische Bestrebungen zu einer explosiven Mischung führten, in der ein Funke genügte, den Krieg auszulösen, dessen Risiken und verheerende Folgen der jeweils verfolgten Strategie  in den beteiligten Ländern aber weder richtig abgewogen noch adäquat erkannt worden seien.