30 Jahre friedliche Revolution

Herbert Kihm

 

Vorbemerkung: Da Frau Neubert sicherlich nicht allen Leserinnen und Lesern bekannt sein dürfte, hier eine kurze Vorstellung ihrer Person (Wikipedia):

Hildigund Neubert, geborene Falcke (* 1960 in Quedlinburg) war Mitglied der DDR-Opposition und Politikerin (CDU). Von 2003 bis 2013 war sie Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR.

Während der politischen Wende gehörte Neubert 1989 zu den Gründern des Demokratischen Aufbruches, aus welchem sie sich jedoch im Januar 1990 wieder zurückzog. 1996 trat sie der CDU bei.

Von 1997 bis 2003 war Neubert Mitarbeiterin des Bürgerbüro e.V. zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur. Sie war von 2003 bis Oktober 2013 Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Thüringen.

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Der Beitrag ist eine verkürzte und subjektive Fassung des Referats ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ergänzungen meinerseits (z.B. genaue Datumsangaben) dienen dem besseren Verständnis.

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Frau Neubert leitete ihr Referat mit der Frage ein, was eigentlich Erinnerung sei und wie sich Erinnerung darstelle.

Sie führte dabei aus, dass die Erinnerung eine subjektive Wahrnehmung historischer Ereignisse sei.

So beeinflussen unterschiedliche Wertvorstellungen und somit unterschiedliche Sichtweisen (Funktionär: Häftling, Beschäftigter: Arbeitsloser, Bürger der Bundesrepublik: DDR-Bürger oder konkret: H.Kohl: W.Brandt) die Bewertung aus der Erinnerung an die Vergangenheit der DDR.

So birgt diese Subjektivität auch die Gefahr, dass Erinnerung täuscht, so z.B. die Legende von der 10.stärksten Wirtschaftsmacht der DDR, die auch heute noch in manchen Köpfen vorzufinden ist.

Frau Neubert bevorzugte in den Begriff „Revolution“, statt der gängigen Begriffe „Wende“ oder „Zusammenbruch“ für die Ereignisse, die zum Fall der Mauer führten.

Sie machte deutlich, dass Revolutionen nur in instabilen Systemen stattfinden.

So war bekanntlich die Wirtschaft der DDR am Ende, dazu kamen die Ereignisse der Kommunalwahl am 7.Mai 1989.Es war die letzte Wahl, in der DDR, die nach Einheitslisten der Nationalen Front durchgeführt wurde.

Der Versuch der Opposition auf die „Einheitsliste“ zu kommen scheiterte, Unregelmäßigkeiten bei der folgenden Wahl wurden jedoch von Wahlbeobachtern notiert.

Nach der offiziellen Bekanntgabe der Ergebnisse durch Egon Krenz(Abgegebene Stimmen: 98,77%,gültige Stimmen 99,1%,gültige Stimmen für den Wahlvorschlag 98,85%, gültige Stimmen gegen den Wahlvorschlag 1,15%),stellte man fest, dass dieses Ergebnis den gesammelten Daten widersprach – ein „Zündpunkt“ für das entstehende Engagement, die Menschen lernten wieder sprechen: „Wir sind das Volk!“, die Staatsmacht hatte plötzlich ihren Schrecken verloren.

Am 7.jeden Monats kam es fortan in Ostberlin vor Kirchen und dem Alexanderplatz zu Demonstrationen gegen den Wahlbetrug, obwohl die Stasi sich intensiv bemühte, die immer lauter werdende Kritik zu unterbinden, was ihr jedoch nicht gelang.

Die Gründe dafür war u.a. auch Kommunikationsprobleme.

Zum Beispiel versuchte der der damalige Sicherheitschef von Leipzig erfolglos die Verantwortlichen in Berlin zu erreichen, da er Befehle nicht alleinverantwortlich erteilen wollte (1.Montagsdemo in Leipziger war am 2.Oktober 1989).

Erwähnt dabei muss werden, dass die Staatsmacht sehr wohl Vorbereitungen (9.Oktober 1989) in Krankenhäusern und der Nationalen Volksarmee getroffen hatte, die dann aber nicht zur Ausführung kamen.

Auch in der Opposition gab es in den Wirren dieser Zeit keine einheitliche Haltung darüber, was z.B. passieren sollte, wenn die SED verschwunden ist.

Teile der Bewegung wollten einen „gerechten“ Sozialismus aufbauen, andere waren zufrieden mit dem Erreichten, wieder andere wollten eine Kopie der BRD.

Frau Neubert schilderte auch die Dynamik dieser Ereignisse, die „Straße“ war der Politik immer einen Schritt voraus:

“Es geht um die Wurst, nicht um die Banane!“

So wurde ja auch der 10Punkte-Plan Helmut Kohls von dieser Dynamik quasi überrannt.

Den 10 Punkte-Plan stellt der Bundeskanzler bekanntlich am 28.November 1989!! im Deutschen Bundestag vor.

Er schlug darin zur Überraschung der Alliierte, des Auslandes wie auch der DDR-Führung, der Opposition und seines Koalitionspartners einen Stufenplan zur Vereinigung Deutschlands und Europas vor – am 3.Oktober1990 erfolgte die deutsche Wiedervereinigung.