An der Wiege Deutschlands - Der Heilige Stuhl als Hebamme in den vierziger und achtziger Jahren

Herbert Kihm

Referat von Prof.Dr. Stefan Samerski

Als habilitierter Kirchengeschichtler war Prof.Dr.Samerski natürlich genau der Richtige, um diesen unbekannten Aspekt des Wirkens des Hl.Stuhls näher zu beleuchten.

Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands stand ein Neuanfang an, der im Dunkeln lag. Denn erst jetzt wurde der „moralische Schaden“ - vor allem in den Vereinigten Staaten - in seinem ganzen Ausmaß deutlich. Wie groß dieser Schaden schon 1944 - als die Niederlage ersichtlich wurde - war, zeigte sich z.B. in dem “Morgenthau-Plan“, in dem Deutschland zu einem Agrarstaat umgewandelt werden sollte.

Papst Pius XII. stellte sich zur gleichen Zeit,1944,sowohl gegen die „Kollektivschuldthese“ als auch gegen die bedingungslose Kapitulation.

Ganz bewusst ernannte er daher bereits 1946 drei deutsche Kardinäle (Joseph Frings, Clemens August Graf von Galen und Konrad Graf von Preysing), „ein ehrenvoller Preis für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus.“

Der Vatikan war es auch, zusammen mit der Schweiz, der erste materielle Hilfslieferungen organisierte, 40% gingen dabei in die sowjetische Zone.

Bei der Frage, wer päpstlicher Vertreter in Deutschland werden sollte, entschied sich der Papst für einen geschickten diplomatischen Schachzug indem er den deutschstämmigen US-amerikanischen Bischof Aloysius Muench zum Visitator ernannte. Er war auch Leiter der Päpstlichen Mission für die Flüchtlinge, was auch die Betreuung der Geflüchteten und Vertreiben aus Osteuropa umfasste.

Aloysius Kardinal Muench, der spätere 1.Apostolische Nuntius in der Bundesrepublik, bemühte sich intensiv, Deutschland eine Zukunft in Würde zu ermöglichen.

Der zweite Teil des Vortrages von Prof. Samerski befasste sich mit der Rolle des Papstes in den politischen Umbrüchen der achtziger Jahre. Mit diesen Umwälzungen sind die Namen von Michael Sergejewitsch Gorbatschow und Karol Józef Wojtyla, dem Papst Johannes Paul II. eng verbunden.

Johannes Paul II. der erste Slawe auf dem Papstthron, hatte sich mit der Teilung in die zwei “Blöcke“ nie abgefunden, Zitat: „Europa atmet mit zwei Lungen, der westlichen Welt und der slawischen Welt.“

Die Chance, dieses Blockdenken zu überwinden, bot sich nach den von Michael Gorbatschow eingeleiteten Prozessen der Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit).

Vielleicht das wichtigste Datum in dieser Umbruchzeit ist die Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki am 1. August 1975, in der die Wahrung der Menschenrechte – einschließlich der Gedanken-Gewissens-, und Religionsfreiheit festgeschrieben wurde.

Als 1978 dann Karol Wojtyla zum Papst ernannt wurde, fürchtete man in Moskau sicherlich zu Recht eine Destabilisierung des sozialistischen Lagers, so besuchte schon im Juni 1979 Johannes Paul II. sein Heimatland Polen, um den Menschen Mut und Zuversicht zu zusprechen.

Sicherlich wäre die Solidarność nicht gegründet worden ohne diesen polnischen Papst auf dem Thron Petri!

Im Juni 1989 finden dann die ersten freien Wahlen in Polen statt, am 9.November fällt die Berliner Mauer – der Untergang des sozialistischen Systems in Deutschland beginnt.

Altkanzler Helmut Kohl würdigte den Beitrag Johannes Pauls II. „am Zusammenbruch des Kommunismus“: „Er hat ganz wesentlichen Anteil daran, dass der Fall der Berliner Mauer und die friedliche Überwindung der Teilung Deutschland und Europas 1989/90 möglich wurde.“(Hessische Niedersächsische Allgemeine)

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Anmerkung:

Das Referat wurde nach persönlichen Aufzeichnungen zusammengefasst und vom Referenten redigiert. Das Schlusszitat wurde von mir hinzugefügt.